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Waldgeschichte


Mangels eingehender urkundlich-forstgeschichtlicher Studien wird oft die Behauptung aufgestellt, dass die  heutigen Bürgerwälder auf den alten Gemeinschaftsbesitz der allemannischen Markgenossenschaften  zurückgehen. In den meisten Fällen zeigt es sich aber, dass diese Annahme unrichtig ist.


Im Gebiet des Wellenberges aber kann mit grosser Sicherheit nachgewiesen  werden, dass die heutigen  Bürgerwälder von Wellhausen, Hüttlingen und Mettendorf tatsächlich auf eine solche Markgenossenschaft  zurückgehen, und die frühere Allmend dieser Ortschaften bildeten. Eine Bestätigung für diese Behauptung liegt darin, dass in den ältesten Urkunden im Gebiet der Herrschaft Wellenberg nie von Eigentumübertragungen  im Wald die Rede ist, während dies andernorts recht häufig vorkommt. Die im Kaufbrief  von 1669 zwischen Jakob Christoph von Ulm und der Stadt Zürich erwähnten 750 Jucharten Wald, müssen die Gesamtheit der im Herrschaftsbereich von Wellenberg liegenden Waldungen gewesen sein. Denn schon 30 Jahre früher werden bei einer Pfandverschreibung nur 300 Juchart  als zum Schlosse gehörend bezeichnet. Auch im Bericht der zürcherischen Waldungskommission vom Jahre 1774 werden dem eigentlichen Besitz  der Herrschaft nur 300 Jucharten Holz zugeschrieben.


Aus verschiedenen Streitigkeiten zwischen Hüttlingen, Mettendorf und Wellhausen einerseits, und den umliegenden Höfen und dem Obervogt andererseits, geht hervor (1736):"Es haben obgemelte 3 ehrsame Gemeinden einen Berg auf welchen sie im Maien mehr als 200 Stück Vieh treiben, daselbst sie über Sommer weiden, und Tag und Nacht darauf bleiben. Damit dieses Vieh niemand Schaden tüe, so ist vor undenklichen Jahren her ein Friedhag gemacht worden, und alle Anstösser, deren viel, über100 sind, tun solches ohne den geringsten Wiederstand, zumalen das in unserm Land ein gemeines Recht ist, dass jeder der an Gemeindegüetter stosst, züünen muss. Dieser Berg stosst gegen Aufgang an die sogenannte   Gygen, Kratten und den Hof Harenwilen, die alle das Holz zur Züünung aus ihrem gemein hebenden Berg nehmen sollen. Gegen Mittag stosst dieser Berg an die Höfe  Bietenhard  und Wald, die Holz zur Züünung ebenfalls aus dem Berg nehmen dürfen. Gegen Mitternacht  stosst dieser Berg an Wellhauser- und Mettendorferfelder, gegen Abend an den Wellhauserberg und das Münchtobel."


1785 verweigerten Hüttlingen und Mettendorf dem Gygenhofbauer sowie dem Kehlhofbauer (Lehensmann der Reichenau) das Bergrecht, d.h. das Holz- und Weiderecht im gemeinsamen  Wald. Aus den Streiturkunden geht hervor, dass sich der Anteil am Bergrecht auf ein Hofstattrecht gründete, was wiederum auf die alte Markgenossenschaft im Zeitpunkt der allemannischen Landnahme hinweist. (Zu den Hofstattberechtigten zählte auch der jeweilige Pfarrherr von Hüttlingen.) Nach verschiedenen Interventionen des Obervogts wurde schliesslich der Gygenhofbauer bei der Austeilung der jährlichen Holzhaue berücksichtigt. Der Obervogt rapportierte über dieses Geschäft nach Zürich: "Euer Weisheit können sehen was für Respekt diese schlechten Leute von Hüttlingen und Mettendorf für die obrikeitliche Erkanntnus haben und daraus schliessen, wieviel Achtung sie für den Obervogt haben."


1774 veranlasste der Stand Zürich eine Inspektion sämtlicher Waldungen. Obwohl sich diese nur auf den eigentlichen Besitz der Herrschaft Wellenberg im Kirchholz, Buck, Bucktobel und Wellenbergtobel (ca. 300 Juchart) erstreckte, lässt der Bericht der Waldungskommission doch auch wertvolle Schlüsse auf den damaligen Zustand der Hüttlinger- und Mettendorfer Wälder zu. Nach diesem Bericht waren die Tobelhänge mit Laubhölzern aller Art bestockt, während sonst meist Tannen- und Föhrenbestände vorherrschten. Es seien aber diese Bestände in grosser Unordnung, indem nur an den zugänglichsten Orten Holz geschlagen werde, und oft die schönsten Stämme eines Reviers aus diesem herausgenommen werde. Der junge Aufwuchs werde sich selbst überlassen und die schädlichen Holzarten nicht ausgehauen. Als weiterer Misstand wird der Weidgang genannt. Durch die schlechte Bewirtschaftung des Waldes sei es nun dazu gekommen, dass schon seit mehreren Jahren 40-50 jährige Bestände geschlagen werden müssen. Nur ein kleiner Teil der Waldung sei älter als 60 jährig und zu Bauholz taugliche Stämme seien sehr selten geworden. Die ganze Waldung welche zur Hauptsache aus Nadelholz bestehe, welches 80-100 Jahre zu seinem  Wachstum bedürfe, müsse dementsprechend doppelt so viel Holz liefern als bei normaler  Wirtschaft möglich sei. - Zur Verbesserung der Waldwirtschaft gibt die Waldungskommission  in ihrem Gutachten von 1774 folgende Anregung: Die ganze Waldung sei in 8 oder 9 ordentliche aufeinanderfolgende, von Morgen gegen Abend gerichtete Schläge einzuteilen. Mit den Schlägen solle im sogenannten Buch, welches an das Thundorferholz stosse, begonnen werden; dort seien die schönsten und ältesten Tannen zu finden. Das Brennholz müsse zuerst vom Abholz des Bauholzes und der Rebstickel gewonnen werden, daneben seien auch die Tobel zur Brennholzbeschaffung heranzuziehen. An den Tobelhängen müsse neben dem Brennholz auch Bauholz nachgezogen werden. Ganz besondere Beachtung müsse der Säuberung und Erdünnerung des jungen Holzes geschenkt werden. Diese wichtige Arbeit sei durch den Herrn Obervogt persönlich zu leiten. Im Schlauchholz (süd-östlich Oberrüti) seien die Föhren auszuhauen, welche den jungen Tannenaufwuchs in seinem Wachstum hindern. Da die Eichen "das beste Bauholz" liefern, und die Schlosswaldungen von dieser Holzart ziemlich entblösst seien, müüsse die Eiche künstlich nachgezogen werden, und es sei ein hiefür günstiger Platz von ca. 2 Jucharten zu finden. - Die freiwillige Gabe von 3 Wagen Holz an den Pfarrer von Kirchberg und von 2 Wagen an die Kapuziner in Frauenfeld solle insofern eingeschränkt werden, als man ihnen nicht aus- schliesslich buchene Scheiter zukommen lassen solle, sondern was gerade der Hau mit sich bringe. Schliesslich empfiehlt die Kommission die Anstellung eines tüchtigen Försters, der durch Anteil an den Frevelbussen zu treuer Ausführung angeeifert werden solle.


In einem Bericht von 1791, d.h. 17 Jahre später wird erwähnt, dass sich die 288 Jucharten umfassenden Schlosswaldungen in bestem Zustand befinden. Die beiden Förster Fröhlich, Vater und Sohn hätten sich sehr um die Verbesserung des Waldes verdient gemacht, deshalb sei ihnen eine Gratifikation von 2 Louisdor auszurichten.


über die frühere Verbreitung der Holzarten im Gebiet des Wellenbergs geben noch einige vereinzelt in den Urkunden angetroffene Notizen Auskunft:


1680 wird ein Eichenwald von 12 Jucharten im Ammerwiler erwähnt.


1717 beklagt sich der Obervogt über die ausgedehnten Waldschäden durch die Harzgewinnung, was auf ausgedehnte Nadelholzvorkommen (Föhre) hinweist.


1792 kauft Obervogt Bodmer 8 Eichen im Wellhauserwald mit der Begründung, dass diese Holzart im Schlosswald beinahe fehle, im Wellhauserwald aber in hinreichender Zahl vorkomme.


Obwohl die meisten, vorstehend zitierten archivalischen Zeugnisse nicht direkt aus dem Hüttlinger- und Mettendorferwald stammen, darf angenommen werden, dass sie in den wesentlichen Zügen auch für diese Wälder zutreffen. (räumliche Nähe)   Nachstehend seien die wichtigsten Folgerungen aus den geschichtlichen Erhebungen gezogen:

 

1.

 Die Waldungen von Hüttlingen, Mettendorf und Wellhausen bildeten seit ältester Zeit eine eingezäunte Allmend mit gemeinsamem Weidgang. Die Zäune mussten durch die Anstösser im offenen Kulturland errichtet werden. Das sogenannte Bergrecht (Weide- und Holznutzungsrecht) war an den Besitz einer Hofstatt im Dorfe gebunden. Aus der Gesamtheit der Hofstattberechtigten, deren Zahl durch Erschwerung der Niederlassung und durch das Verbot neue Hofstatten zu errichten, während Jahrhunderten auf der gleichen Höhe gehalten wurde, ist im vergangenen Jahrhundert die Bürgergemeinde als Trägerin des Gemeindegutes herausgewachsen. Während der Weidgang zwischen Wellhausen und Mettendorf und Hüttlingen bis zu dessen Aufhebung gemeinsam blieb, war das Grundeigentum im Wald zwischen Wellhausen und Mettendorf bereits 1704 im heutigen Umfang ausgemarcht.


2.

Die Bewirtschaftung war bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch eine ungeregelte Schlagführung ge- kenntzeichnet, wobei die Nutzung nach den augenblicklichen Bedürfnissen und am gelegensten Orte erfolgte. (Plünderung der schönsten und stärksten Bäume)


Während sich diese Nutzungsart im Mittelalter bei kleiner Befölkerungszahl nicht so ungünstig auswirkte, führte sie mit dem wachsenden Holzbedarf der zunehmenden Bevölkerung zwischen 1750 und 1800 zu einem Sinken der Umtriebszeit, sodass schon 1774 40-50 jährige Bestände der Axt zum Opfer fielen. Die jährliche Nutzung pro Bürger betrug bis 1817 ca. 6 Klafter oder 18 mł. Mettendorf hatte 1785 58 Haushaltungen; daraus resultiert für Mettendorf allein eine jährliche Nutzung von ungefähr 1000 mł. Die Art des Nutzungsbezuges, sowie der Weidgang führten dazu, dass Wälder von Hüttlingen und Mettendorf das Aussehen eines relativ lichten Weidewaldes hatten, der von unbestockten Grasplätzen durchsetzt war. Die ausgedehnten Kahlflächen waren dem Aufkommen der Weichhölzer - lokal auch der Föhre und Rottanne - günstig, während die Weisstanne in die weniger zugänglichen Teile verdrängt wurde. Aus dem Spezialbericht von Forstmeister Stähelin geht hervor, dass noch 1851 1/3 der Gesamtfläche des Mettendorfer Waldes = ca. 46ha aus unbestockten Blössen bestand. Weitere 50-60 Jucharten werden als schlecht bestockt und verstumpft bezeichnet. 1851 fehlten 80-100 Bestände ganz, während der Anteil der 60-80 jährigen Bestände genügend war. Diese Bestände waren aber nach Stähelin lückig und mit grossen Blössen durchzogen. Die Föhre herrschte vor. Kulturen und Saaten erfolgten bis 1851 nicht.


3.

In der früheren Holzartengarnitur sind Föhre, Tanne (wahrscheinlich Rot- und Weisstanne), Eiche und Buche urkundlich belegt. Da bis 1851 weder Saaten noch Kulturen vorgenommen wurden, darf angenommen werden, dass die eingangs erwähnten Baumarten seit jeher am Bestandesaufbau beteiligt waren. Zwar fehlten sicher reine Rottannenbestände, hingegen war die Verbreitung der Eiche wahrscheinlich etwas grösser. Schon 1774 waren die Nadelholzbestände vorherrschend (Föhre und Tanne), während das Laubholz mehr die Tobelhänge besiedelte. Nach den Berichten der Waldungskommission von 1774 war die Föhre in den Tannen-Jungwüchsen vorwüchsig; dieseBeobachtung kann am Wellenberg heute noch oft gemacht werden. Die vorstehend skizzierte Holzartenvertretung in alter Zeit konnte auch für das im Süden angrenzende Staatswaldrevier Bietenhard nachgewiesen werden.

 

Nachdem schon 1704 Wellhausen seinen Wald ausgemarcht hatte, wurde bereits 1788 eine Scheidung der Berggerichte von Hüttlingen und Mettendorf erwogen, da die Mettendorfer mit Vorliebe ihr Holz oberhalb der Kirche Hüttlingen schlugen. Die endgültige Trennung erfolgte durch das Teilungsinstrument vom 22. August 1816, wonach "aus rühmlicher Liebe zum Frieden" beschlossen wurde, den bisher gemeinsam besessenen Wald zu teilen:


1.

 "Es soll der bisher gemeinsam besessene Wald durch eine von Mitternacht gegen Mittag gezogene Linie in zwei Teile geteilt werden."

 

2.

 "Jede Gemeinde gibt der anderen offene und freie Weggerechtigkeit zur Abführung ihres Holzes."

 

Quellen:


Wirtschaftsplan über die Waldungen der Bürgergemeinde Hüttlingen 1951


Wälli j. Pfr.: Schloss Wellenberg, Thurg. Beiträge zur vaterländ. Geschichte, 47. Heft 1907


Staatsarchiv Thurgau: Urkundenbuch, Reichenauisches Amt Frauenfeld


Staatsarchiv Zürich: Urkundensammlung Wellenberg